Der Schrei von Mutter Erde

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25. April 2015 um 11:56 Uhr Ortszeit
Erdbeben in Nepal Kathmandu und Bergdörfer
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Es ist eine traurige herzzerreißende Geschichte über meinen Freund Marcel, der zur Zeit des Erdbebens in Nepal Pokhara in dem Katastrophengebiet unterwegs war und mir seine Erlebnisse erzählt hat.
Es war der 25.April 2015, alles war wie immer als ich mit meinem Motorrad durch den Himalaya in Nepal unterwegs war.
Es sollte das Abenteuer meines Lebens werden als ich Anfang Jänner meine Entscheidung getroffen habe, mit dem Motorrad quer durch Indien und den Himalaya zu fahren, ohne Pläne, ohne Erwartungen.
Ich wollte sehen, wie es ist, wenn man nicht alles hat. Ich wollte die Menschen dort treffen, die in den Bergdörfern leben, abseits der Zivilisation, ohne diese Konsumgesellschaft, die glücklich sind, mit dem was sie haben – die keinen Wert auf materielle Dinge legen.
Ich wollte es erleben.
Mit großer Vorfreude auf das was ich erleben werde kaufte ich mir ein Motorrad und startete ich auf meine große Tour durch Indien.
Ich fühlte mich frei, ich war glücklich, ich traf so viele tolle Menschen, hatte Wahnsinns Erlebnisse, tolle Erfahrungen, wunderschöne bewegende Begegnungen.
Bis zu dem Tag, der alles veränderte.
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Der 25.April 2015.

Ich fuhr morgens los wie immer, bewunderte die Landschaft, die Menschen, es war kalt.
Es roch frisch.
Ich war in einem der Bergdörfer unterwegs. Es müsste eine halbe Stunde vor dem Erdbeben gewesen sein.
Ich fuhr gerade über einen Bergpass, ich wusste es ist noch eine halbe Stunde Fahrt bis zur nächsten Stadt. Es war kurz vor halb 12. Ich blieb stehen mit meinem Motorrad, weil mein Gepäck nicht genug befestigt war und ich musste es fixieren.
So blieb ich stehen, rauchte eine Zigarette, fixierte mein Gepäck und schaute in die wunderschöne Landschaft die hinter mir lag – die noch vor mir lag.
Es war schön.
Plötzlich bemerkte ich, wie der Boden unter meinen Füßen sich plötzlich zu bewegen begann. Es wurde immer heftiger.
Ich wusste nicht, was das sein sollte. Felsbrocken stürzten überall zu Boden, ich versuchte mich zu schützen.
Die Geräusche, das tiefe Grollen in den Bergen, das Geräusch war ohrenbetäubend, es hörte sich schrecklich an.
Es dauerte ungefähr eine Minute – ich weiss es nicht mehr.
Verdammt was war das?
Ich wusste überhaupt nicht, was los war.
Zuerst dachte ich, das sei normal hier in dem Gebiet.
Ich befand mich mitten im Nirgendwo zwischen den hohen Bergen des Himalayas.
Die Luft roch staubig, ich konnte die Angst spüren, die hier umherging.
Und jetzt? Was soll ich tun.
Ich blickte in den Spiegel meines Motorrads – alles was ich sah war mein furchtbar entsetztes Gesicht.
Das war genau das, was ich auch fühlte. Ich war entsetzt bis auf die Knochen.
Ich wollte nicht glauben, was hier gerade passiert war.

War das ein Erdbeben?

War es heftig? Was war das verdammt.

Die Energie war unbeschreiblich beängstigend.
Ich wollte nur noch weiter in die nächste Stadt fahren, um zu erfahren, was hier denn passiert war.
Mein Körper fühlte sich an – ich weiß es nicht – undefinierbar, ich kann es nicht beschreiben.
Ich habe einfach ignoriert, was passiert war. Ich fuhr weiter. Mit Angst, aber ich fuhr weiter.
Nach 20 Minuten erreichte ich die Stadt Pokhara, alle Menschen waren auf der Straße.
Ich dachte, wow die Menschen sind aber freundlich, die sind alle auf der Straße.
Ich dachte nicht darüber nach, dass dies aufgrund eines schweren Erdbebens war.
Ich traf einen Hippie auf der Strasse. Er wollte mir coole Plätze zeigen, wir wussten nicht was los war.
Keiner kannte sich aus. Was machen die Menschen hier alle.
Entsetzte Gesichter überall. Trucks voller Armeleute fuhren Richtung Lakeside. Alle hatten einen verzweifelten Gesichtsausdruck.
Keiner wusste so recht, was er tun sollte.
Die Menschen liefen verzweifelt umher.
Aber alle Menschen mit all ihren Waffen können nichts dagegen tun, wenn Mutter Erde aufschreit und zurück schlägt.
Die Natur hat ihre Kraft.
Wir Menschen sind dagegen völlig machtlos.
Ich habe wirklich erst viele Stunden später realisiert was im Umkreis von 200 km wirklich passiert war.
Ich sah es erst in einem Supermarkt im Fernsehen.
Wie viele Menschen alles verloren haben, wie viele Menschen sterben mussten bei dem Erdbeben.
Am Tag darauf das große Nachbeben. Ich wäre am liebsten aus dem Fenster gesprungen – alles hat gewackelt.
Die Fenster, das ganze Haus.
Es gab über 150 Nachbeben in den nächsten Wochen. Am Tag, in der Nacht, ständig waren die Menschen in Angst, liefen aus ihren Häusern,
Weil sie dachten, die Erde würde erneut zu beben beginnen. Ich wurde geweckt, es war 4 Uhr.
Erneut ein Beben. Ich musste raus – das Haus verlassen.
Es war schrecklich ständig Angst zu haben, nicht schlafen zu können.
Die Menschen haben nur noch draussen geschlafen aus Angst in die Häuser zu gehen.
Auch ich habe draussen am See geschlafen aus Angst wieder in die Häuser zu gehen.
Die Verdrängung war gross.
Die Energie war schlimm.
Im Umkreis von 200 km sind um die 8000 Menschen gestorben.
Ich habe mich noch nie in meinem Leben so verlassen gefühlt.
Ich wusste nicht, wie ich mich fühlen sollte. Sollte meine Reise weiter gehen, sollte ich nach Hause fahren.
Was soll ich tun.
Ich laufe doch nicht davon.
Ich fiel in Depressionen, aber dennoch entschied ich, dass ich meine Reise fortsetzten wollte.
Ich fuhr noch weitere 4 Wochen durch Nepal und weitere2 Monate durch Indien und versuchte das passierte zu verdrängen.
Es war nicht leicht für mich, aber machte das Beste daraus.
Es war schrecklich, soviel Unglück zu sehen.
Mit meiner Fahrt durch die wunderschöne Landschaft versuchte ich das gesehen zu verarbeiten……………